Zeit, zu gestalten

Effectuation in Zeiten von Corona, leere Supermarktregale, Zeit zu gestalten
Corona schafft Räume, die neu gestaltet werden wollen

Warum Effectuation das Instrument ist, mit dem wir die Welt nach Corona bauen können.

 

Nun haben sich alle gut mit Homeoffice-Tools eingedeckt, dann können wir uns ja endlich an die Gestaltung der Zukunft machen!

 

Namhafte Köpfe der Innovations-, Digitalisierungs- und Agenturindustrie propagieren ein groß angelegtes „Weiter so“. Straffe Führung der Angestellten im Homeoffice, Konsumieren, als gäbe es keine Krise, forderte etwa der CEO von Axel Springers Digitalisierungsableger hy. Mit großem Beifall aus der Szene. Ich bin da skeptisch. Das Narrativ durch blinden Konsum unseren materiellen „Wohlstand“ krampfhaft aufrecht zu erhalten hat auch vor Corona niemanden mehr wirklich hinter dem Ofen hervorgelockt. Fridays For Future haben hier doch eigentlich ausreichend den Finger in die offene Wunde gelegt und gezeigt, dass nur noch Narren die Transformation verhindern. Corona hat hier noch mal spannende Absurditäten unseres Wirtschaftsmodells sichtbar gemacht: So beklagen sich Modeunternehmen darüber, dass die Frühjahrskollektion nicht gekauft wird. Sie diese aber auch im Sommer oder gar im nächsten Frühjahr auch nicht mehr werden anbieten können. Natürlich nicht. Es braucht ja mindestens alle drei Monate eine neue Kollektion. Tja. Böses Coronavirus. Eine Vorsaison-Kollektion in die Regale zu legen scheint moralisch so verwerflich, wie Gammelfleisch zu verkaufen. Hier zeigt sich die hässliche Fratze unseres Konsum-Selbstverständnisses in beschämender Deutlichkeit. Corona kann es schaffen, derart fragwürdige Konsumgewohnheiten endgültig zu überwinden.

 

Wir als Unternehmer*innen können diese nie dagewesene Situation nutzen, uns und unsere Geschäftsmodelle endlich an unsere Zeit anzupassen. Statt so zu tun, als gäb’ es keine Krise, lasst uns lieber diese Chance nutzen, unsere Geschäftsmodelle zu überdenken und zu überarbeiten – und den Shift zu wagen, eine krisensicherere, ja, vielleicht zirkulärere Version einer Wirtschaft von morgen umzusetzen.

 

Auch unsere Führungskultur hat jetzt die einmalige Chance, überarbeitet zu werden. Die ganzen New Work Buzzwords können mit Inhalt gefüllt werden. Remote-Teams selbstorganisiert ihre eigenen Arbeitsstrukturen schaffen. Was für eine Möglichkeit!

 

Aber zurück zu den Geschäftsmodellen:

Ich bin überrascht, dass das Netz in dieser Phase nicht überquillt mit dem Begriff „Effectuation“. Also mache ich mal den Anfang:

 

Ich höre seit Wochen kaum noch etwas anderes als „Remote-Tools“, „Homeoffice“, „digitale Workshops“. Klassische Agenturarbeit mit Internetanschluss. Liegt ja auch auf der Hand. Nett, dass alle ihre Tools teilen, schön, dass dies endlich umgesetzt wird. Hilfreich ist es (fürs Erste) in jedem Fall, ich habe viele gute Tipps bekommen. Danke dafür!

Aber gerade in Zeiten solch großer Ungewissheit braucht es eben auch Werkzeuge, die uns helfen, schnell Richtungen zu korrigieren und anzupassen. Dinge, die vor der Krise selbstverständlich waren, werden plötzlich undenkbar. Das vorher Undenkbare plötzlich notwendig. Es entstehen neue Bedürfnisse und neue Möglichkeiten. Ganz neue Probleme wollen gelöst werden. Das geht dann eben doch nicht, indem wir einfach versuchen, unsere bisherigen Geschäftsmodelle durch ein paar digitale Tools „corona ready“ zu machen. Das braucht einen Kompass zum Navigieren in Ungewissheit. Ein Handwerkszeug um in Unsicherheit Zukünfte zu bauen. Effectuation ist so ein Kompass. Ich stelle ihn hier noch mal vor:

 

Effectuation, das ist ein Ansatz aus der Entrepreneurship-Forschung. Effectuation ist die intuitive Art und Weise, wie Supra-Entrepreneure denken, handeln und Probleme lösen. Also solche, die bereits mehrere Unternehmen erfolgreich gegründet, mindestens eines an die Börse gebracht und ausreichend Scheiter- wie Erfolgsgeschichten zu erzählen haben. Typen wie Richard Branson oder Elon Musk.

 

Nun hat sich die Studie, aus der Effectuation entstanden ist, primär Menschen angeschaut, die wirtschaftlich etwas unternommen haben. Dabei soll es hier bei der Frage „Unternehmertum“ gar nicht um das klassisch kapitalistische Unternehmertum gehen. Es geht um den Akt der Unternehmung. Um die Leute, die vorangehen und dabei Großes bewirken. Ganz gleich ob im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, disruptive Erfindungen, Entdeckungen, Klimakrise, das Lösen von Problemen im Allgemeinen oder natürlich Geschäftsmöglichkeiten. Es geht also auch um Gandhi, Thunberg, King oder Kolumbus.

 

Was solche herausragenden Entrepreneure gemein haben, hat die US-amerikanische Forscherin Saras D. Sarasvathy in einer bahnbrechenden empirischen Studie erforscht und aus dem unternehmerischen Verhalten der „Experten-Unternehmer:innen“ eine Handvoll Prinzipien abgeleitet. Diese Prinzipien ermöglichen es, aktiv Zukünfte zu gestalten, wenn das Umfeld unsicher ist. Und sie erlauben uns eine Handlungsfähigkeit, wenn eine exakte Vorhersage oder Planung nicht möglich ist. Durch ihre Arbeit und die einer Vielzahl an Forscher*innen und Praktiker*innen, etwa des Entrepreneurship Professors René Mauer oder des Autors Michael Faschingbauer (Managementbuch des Jahres 2010, die vierte Auflage erscheint 2021) haben wir nun die Möglichkeit, diese Prinzipien in unsere Arbeit einfließen zu lassen und damit neue Zukünfte für die Zeit nach Corona zu entwerfen. Die wichtigsten Prinzipien sind folgende:

 

Die  Prinzipien im Effectuation

 

1. Bird in The Hand – Mittelorientierung statt Zielorientierung

Bezogen auf das Sprichwort: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“ empfiehlt es: Konzentriere dich auf die Mittel, die dir zur Verfügung stehen, als deine Ressourcen für Business-Pläne und Zieldefinitionen zu verfeuern!

Starte mit dem, was du hast! Mit dem, wer du bist, wen du kennst und was du weißt. Und nicht mit mit einem festgelegten Ziel oder einer vorher ausgemalten Möglichkeit. Die Ziele entscheiden nicht über die Mittel, sondern die Mittel bestimmen das Machbare!

 

2. Affordable Loss – Leistbarer Verlust statt erwarteter Ertrag

Da sich in einer ungewissen Zukunft Erträge nicht vorhersagen lassen, empfiehlt das zweite Prinzip, nur das zu investieren, was du dir zu verlieren leisten kannst. Das muss nicht immer zwingend Geld sein. Das können auch Zeit, Reputation, Wissen und Kompetenzen oder andere Mittel und Ressourcen sein.

 

3. Lemonade – Unvorhergesehenes und Zufälle nutzen, statt zu vermeiden.

Das Lemonade-Prinzip bezieht sich auf das Sprichwort: „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach’ Limonade draus“. Gilt natürlich genau so für die Logik, „Wenn dir jemand Steine in den Weg legt, bau’ eine Straße draus“. Oder ganz einfach: aus der Not eine Tugend machen! 

 

In der kausalen Management-Logik, gilt es Zufälle zu vermeiden. Effectuation sieht den Zufall hingegen als Partner an und macht aus Ungeplantem Chancen. Der judogriffähnliche Umgang mit Unvorhergesehenem ist wohl gerade jetzt, in Corona-Zeiten, die stärkste Waffe.

 

4. Crazy Quilt – Partnerschaften statt Konkurrenz

Das Prinzip des Flickenteppichs (Crazy Quilt) empfiehlt: Suche nach selbst-selektierten Partnerschaften mit Menschen, die einbringen, was sie bereit sind, zu geben. Suche nicht nach den „richtigen“ Partnern mit den „richtigen“ Mitteln, sondern sei offen für die, die bereit sind, auch in einem frühen Stadium einen Beitrag zu leisten. Fokussiere dich auf kooperative Netzwerke, nicht auf eine konkurrierende Abgrenzung. Der immer lauter werdende „homo cooperativus“, der den profilneurotischen, egoistischen „homo eoconomicus“ zum Frühstück ist, ist auch ein guter Zeitgenosse, dieses Prinzip zu verdeutlichen.

 

5. Pilot in The Plane – Selbst die Verantwortung übernehmen statt auf die Zukunft zu warten

Das fünfte Prinzip wird nicht von allen Effectuators als gleichermaßen relevant betrachtet, doch empfiehlt es, das Steuer zu übernehmen, ins Handeln zu kommen und die Zukunft mit Dingen zu ko-kreieren, auf die man Einfluss hat. Wenn man es selbst kontrollieren kann, muss man es nicht vorhersagen. Denn die beste Art, die Zukunft vorherzusagen ist, sie selbst zu gestalten.

 

Effectuation als Mindset

 

Das Mindset, das Effectuation zugrunde liegt, lässt sich am besten bildhaft erklären.

Wenn du Freunde einlädst, um sie zu bekochen, dann kannst du dir entweder ein Rezeptbuch greifen, ein Rezept auswählen, einkaufen gehen und nach dem Rezept kochen. Wird klappen, wenn man sich an die Vorgaben hält, man alle Zutaten im Supermarkt findet und auch sonst nichts Unerwartetes dazwischen kommt. So funktionieren Businesspläne. Allerdings auch nur, wenn sie vorher schon von jemand anderem getestet und für gut befunden wurden. Für eine neue Unternehmung gibt es keine Businesspläne. Die Absurdität des Businessplans muss an dieser Stelle nicht noch mal besprochen werden.

Als Effectuator lässt man das Rezeptbuch liegen. Man öffnet den Kühlschrank, schaut was drin ist und überlegt sich, was man mit den verfügbaren Zutaten kochen kann. Wenn ein Gast noch eine weitere Zutat mitbringt, integriert man diese einfach. So hat man die Chance, etwas komplett Neues zu erschaffen.

 

Während sich eine linear-kausale Logik nach Plänen (Rezept) und minutiös definierten Zielen ausrichtet, hat Effectuation lediglich eine grobe Zielvorstellungen (Essen mit Freunden) und konzentriert sich auf die verfügbaren Mittel, die Zutaten im Kühlschrank, das Kochequipment und die individuellen Expertisen, der Mitmachenden.

 

Weder die eine noch die andere Herangehensweise ist die Richtige oder die Falsche. Durchgetaktete Prozesse und Masterpläne funktionieren prima und effizient wenn keine nennenswerten Störungen, Zufälle oder lange ignorierte Pandemien einem einen Strich durch den Plan machen. Bei BMW am Fließband oder beim Aufbau eines neuen McDonald’s Restaurants braucht man idR. kein Effectuation. Die Prozesse sind bekannt, der Markt erforscht. Man kann einen eingespielten und durchoptimierten Prozess super multiplizieren.

 

In Corona-Zeiten, in denen selbst eine träge Regierung täglich neue, unerwartete Entscheidungen trifft und umgehend umsetzt, werden viele Pläne zahnlos. Datenmüll. Wie die meisten Business-Pläne. Hier muss schnell gehandelt und den sich ändernden Bedingungen gemäß reagiert werden. Und das schnell. Auf Normalität zu hoffen nützt oft nichts, wenn die Zeit knapp ist. Die Prinzipien von Effectuation zu verinnerlichen hilft, um schnell gestalterisch tätig zu werden, die Zukunft zu gestalten und die Umwelt so zu beeinflussen, dass es für dich und deine Partner*innen Sinn ergibt.

 

Individuen-Zentrismus statt Nutzer-Zentrismus

 

Im Gegensatz zu Design Thinking, wo man sich primär auf die Bedürfnisse einer vorher identifizierten Zielgruppe fokussiert und einen Nutzer-zentrierten Design-Ansatz fährt, beginnt Effectuation erst einmal bei einem selbst. Es ist (zunächst) nicht Nutzer*zentriert, es ist Individuen-zentriert. Es arbeitet mit dem Handlungsanlass. Mit dem inneren Druck, einen Ist-Zustand so sehr verändern zu wollen, sodass man ins Handeln gerät. Das kann das Vakuum im Bauch sein, das einen bewegt, sich etwas zu Essen zu organisieren. Das kann aber auch die tiefe Unzufriedenheit mit der Weltpolitik im Bezug auf die Klimakrise sein, die einen dazu bewegt, in den Klimastreik zu gehen und einen später für den Friedensnobelpreis nominiert. Der Handlungsanlass ist nicht auf andere Menschen zu übertragen. Jeder Mensch hat seinen eignen Handlungsanlass. Er ist aber stets der Beginn einer unternehmerischen Handlung. Bei dem Prinzip „Crazy Quilt“, also dem der Partnerschaften, kommen verschiedene, individuelle Handlungsanlässe zusammen. Hier kann man von einer „Shared Intentionality“, sprechen. Schwer zu übersetzen, aber vielleicht tut es der geteilte Zweck, oder eine geteilte Vorstellung einer besseren Zukunft.

 

Effectuation ist wie Navigieren nach Navigationssternen 

 

An dieser Stelle soll noch einmal betont werden: Effectuation arbeitet zwar mittelorientiert und nicht zielorientiert. Dennoch gibt es Zielvorstellungen. Das sind offene Richtungs-Korridore. Ein Vorstellungsraum, innerhalb dessen die gewünschte Veränderung oder ein mögliches Ziel imaginiert wird. Vielleicht hilft der Vergleich mit dem Polarstern: Er gibt die Richtung vor, die man segelt. Er sagt einem aber nicht, wann man mit welchem Einsatz wo ankommt. Das macht die Sache ziemlich agil. Denn wer dem Polarstern folgt und grundsätzlich nach Norden segelt, hat die Chance, unterwegs viel Neues zu entdecken. Vor allem aber hilft das Segeln in einem gewünschten Richtungskorridor, unterwegs die Segel und den Kurs gemäß den sich (mit Sicherheit) ändernden Windverhältnissen anzupassen. Wer das verstanden hat, schafft auch Corona eher als Chance, als als Krise zu verstehen.

 

Aldi und McDonald’s haben das vorgemacht. McDonald’s schickt seine Leute in die Aldi-Filialen und unterstützt somit die Versorgung von Lebensmitteln während die Restaurants geschlossen sind. Ich wiederhole noch einmal: Aldi und McDonald’s! Das ist ein sehr unternehmerisches Verhalten, für zwei Unternehmen, deren Geschäftsmodelle seit Jahrzehnten gleich und durchoptimiert sind und die bisher nicht sonderlich als agile Vorzeigeunternehmen in Erscheinung getreten sind. Verrückt ist, dass die meisten Agenturen, die Agilität schulen, bisher noch nicht mit sonderlich unternehmerischen Aktionen und Reaktionen aufgefallen sind. Bisher wurden deren Workshops lediglich ins Internet verlegt. Das wird langfristig nicht reichen. Hieran zeigt sich nicht nur, wer wirklich agil ist und wer nur so tut. Es zeigt auch, wie schwer es ist, wirklich agil und unternehmerisch zu handeln, wenn eine Krise wie die derzeitige einen voll ins Kontor trifft.

 

Beispiele von Effectual Thinking

Ein paar Beispiele sollen all die Theorie einmal etwas veranschaulichen.

 

Beispiel 1: Ich selbst

Ich selbst effectuiere gerade meine gesamte Existenz. Der geplante Launch des Shops für nachhaltige Workshopmaterialien ist abgesagt. Wer braucht schon Workshopmaterialien, wenn gar keine Workshops stattfinden? Als freier Dozent und Trainer bin ich quasi pleite. Alle Aufträge der nächsten Monate sind abgesagt, kein Land in Sicht, Miete zahlen wird bald unmöglich. Ich muss Leute entlassen, alle Pläne und Vorhaben über Bord werfen.

Nun kann ich aber nicht bloß auf die Hilfsmittel der Bundesregierung hoffen, um irgendwann da weiter machen zu können, wo ich aufgehört habe.

 

Ich muss auch selbst irgendwie aktiv werden (Pilot in The Plane) und mit dem, was ich habe (Bird in The Hand) meine derzeit dramatische Situation lindern (Handlungsanlass). Hätte ich letztes Jahr nicht einen fünfstelligen Betrag in meine Effectuation-Ausbildung gesteckt, hätte ich jetzt deutlich mehr finanzielle Ressourcen um die Krise abzupuffern. Das Leben hat mir eine Zitrone gegeben, ich muss nun schauen, hieraus einen Vorteil zu machen (Lemonade), denn das Geld habe ich umgewidmet in Wissen.

 

Der Blick in meinen Kühlschrank zeigt mir ein paar ganz nützliche Dinge, für die ich grad keine Verwendung habe:

  • Eine Effectuation-Ausbildung, die ich zur Zeit nicht zum Einsatz bringen kann
  • Einen gekündigten aber noch ein paar Monate laufenden Vertrag für einen Website-Baukasten, den ich nicht mehr benötige
  • Ein professionell designtes Logo aus einer gescheiterten Agenturgründung, das noch irgendwo auf meinem Rechner herum liegt
  • Ein Lager
  • Die Domain www.effectuation.expert, die ich irgendwann mal fix reserviert habe und die nur Geld kostet
  • Viel Erfahrung im Design Thinking, Business Design, in der Lehre, unternehmerisches Know-How

Außerdem habe ich:

  • Deutschkenntnisse
  • Einen Laptop
  • Internetanschluss
  • Ein Bücherregal voll mit Innovationslektüre
  • Begeisterung für Transformationsprozesse, Geschäftsmodelle und Nachhaltigkeit
  • Eine Steuernummer
  • Zeit (wobei das gar nicht so stimmt)

Das hat meine erste Mittelinventur ergeben. Klingt so, als ließe sich daraus etwas kochen. Mal schauen, was dabei heraus kommt.

 

Ich beginne also, die nicht mehr gebrauchten Seiten des Webseitenbaukastens zu löschen, Impressum, Rechtstexte etc. kann ich noch verwenden, ich passe das alte Logo an und füge es ein, beginne, mein Effectuation-Wissen kontextbasiert in einen leichtverständlichen Artikel zu tippen. Erster Streich.

 

Der Artikel muss nun sichtbar gemacht werden. Ich muss die Augen offen halten und schauen, welche Möglichkeiten sich hieraus ergeben. Ein Geschäftsmodell habe ich noch nicht, Partnerschaften könnten entstehen, mal schauen.

 

Wer das hier liest, ist also herzlich willkommen mitzumachen. Denn ich bin überzeugt, dass wir nicht weiter kommen, wenn wir jetzt die Pre-Corona-Geschäftsmodelle einfach noch ein Stück weiter ins Internet verschieben. Wir brauchen grad anderes und die Welt nach Corona wird der Welt vor Corona nicht mehr gleichen. Corona erfordert ein ganzheitliches Umdenken, neue Lösungen von echten Problemen. Effectuation kann das beschleunigen. Wer jetzt nicht anpassungsfähig ist, geht unter. Also: Was ist in deinem Kühlschrank?

 

Anm. ein knappes Jahr später (9.2.21):
Es ist noch immer Corona. Schlimmer als je zuvor, der zweite große Lockdown mitten im Winter frisst sich in die Seelen der Menschen. Mein Leben hat sich komplett gewandelt, nichts ist wie zuvor. Aber mein Handlungsanlass, im März 2020 diese Seite hier aufzusetzen (immer noch nicht fertig) hat dazu geführt, dass ich mehrere Anrufe bekam, Telefonberatung durchführte, Webinare und mehrere Aufträge für Onlinekurse und -seminare. Auf dieselbe Art und Weise wie diese Seite entwickelte ich mitten im Lockdown zwei ganzheitliche Transformationsprozesse für die Wirtschaft (FUTURE BUSINESS DESIGN) und für die Landwirtschaft (FUTURE FARM DESIGN), um noch besser bei der Transformation zu einer mensch- und planetgerechten Gesellschaft und Wirtschaft mitwirken zu können. Kann man anschauen unter www.simonsteiner.de und www.neueagrarkultur.de .

Ich habe ganz neue, erfolgreiche Geschäfte entwickelt, welche nur durch Corona und Effectuation entstanden sind.

 

 

Beispiel 2: Die Plage

In Hamburg wurde an den Rümpfen von Containerschiffen die chinesische Wollhandkrabbe in die Elbe eingeführt. Elb-Fischern haben diese die Netze kaputt gemacht, der Fischfang wurde schwierig, teuer und aufwändig. Ein Fischer hat eher zufällig mit einem Marketing- und Vertriebsfachmann ein Bier getrunken. Dieser fragte, ob die Krabbenplage nicht irgendwie nutzbar sei. Es stellte sich heraus, dass chinesische Restaurants die Wollhandkrabbe teuer importieren um sie zu kochen. So wurden die Netze umgerüstet, Krabben gefangen und frisch und regional an China-Restaurants verkauft. In dieser (wahren) Geschichte kommen alle Prinzipien vor:

Kaputte Netze und sinkende Einnahmen führen zum Handlungsanlass.

Marketingfachmann getroffen und aktiv geworden: Crazy Quilt.

Fischerei-Know-How, Equipment: Bird in The Hand

Umgestaltung von Netzen und Einsatz von Equipment: Affordable Loss

Wollhandkrabben nicht zu bekämpfen sondern zu vermarkten: Lemonade.

 

Eins habe ich noch:

 

Beispiel 3: Die Fischerstochter

Ich komme aus Norddeutschland, die Seefahrt ist das Unternehmerischste, was man sich vorstellen kann, da wimmelt es von Beispielen.

 

Meine Bekannte Antje ist Wirtschaftsjuristin. Sie arbeitet im Öffentlichen Dienst, oft lustlos und unzufrieden. Antjes Vater war Fischer. Er hat noch unzählige Netze, Schwimmer, Bootszubehör etc., was er entsorgen möchte. Antje bricht das das Herz, sie fängt an, sich ein paar Lieblingsstücke aus ihrer Kindheit zu nehmen und aus ihnen etwas zu basteln. Schlüsselanhänger, Tischdeko, solche Sachen.

Ihren Freunden gefällt das so gut, dass sie beginnt ihnen auch welche ihrer Fischereikunstwerke zu basteln. Eins kommt zum Anderen, sie geht auf Märkte, verdient mit dem Verkauf von Fischerei-Nippes bald ernsthaft Geld. Sie trifft Conny, Fotografin, begeistert von Antjes Produkten. Bald wird ein Online-Shop eröffnet, um mehr Menschen Zugang zu den Produkten zu geben, ein Laden in ihrer Heimatstadt Stralsund gemietet. Um die Mietkosten zu drücken, werden Regale an andere regionale Kunsthandwerker:innen vermietet und so weitere Einkommensströme generiert. Antje kündigt ihren Job.

 

Auch hier kommen wieder viele der Effectaution-Prinzipien zusammen:

Unzufriedenheit mit dem Job plus Trauer um das Fischerei-Equipment des Vaters = Handlungsanlass.

Fischerei-Equipment und Kreativität = Bird in The Hand.

Einsatz von Zeit zum Basteln = Affordable Loss.

Eingehen von Partnerschaft mit Conny = Crazy Quilt.

Bauen von Onlineshop und Anmietung des Ladens = Pilot in The Plane.

Absicht des Vaters, die alten Fischernetze etc. zu entsorgen = Lemonade.

 

Und dann in der nächste Runde gleich weiter:

Nutzen der Regalkapazitäten = Bird in the Hand

Partnerschaften mit anderen Künstler*innen eingehen, die die Regale mieten = Crazy Quilt

 

Effectuation ist die Sichtbarmachung sehr intuitiver, unternehmerischer Prinzipien. Richtig, dies ist nichts Neues. Und wie beim Design Thinking wird es unzählige Menschen geben, die anmerken, „schon immer“ so vorgegangen zu sein. Völlig klar.

Christopher Kolumbus war der Inbegriff eines Entrepreneurs, der ganz intuitiv nach bestimmten Prinzipien gehandelt hat, ohne jemals von Effectuation gehört zu haben.

 

Sarasvathy wollte jedoch herausfinden, ob es eine Art unternehmerischer DNA gibt, ob es Prinzipien gibt, die man benennen und sie sich zu eigen machen kann. Auch, wenn wenn man möglicherweise (Schulsystem-bedingt) diese oft intuitive unternehmerische Herangehensweise verdrängt oder verlernt hat. Entsprechend ist Effectuation als Methode unglaublich hilfreich. Denn es besteht oft der Irrglaube, man müsse ein betriebswirtschaftliches Studium absolviert haben, um unternehmerisch tätig zu werden. Das ist absolut nicht wahr. Im Gegenteil. Je weniger der Glaube an die klassische Betriebswirtschaftslehre unsere unternehmerische Intuition vernebelt, desto besser ist es. Ich will nicht sagen, dass betriebwirtschaftliche Grundlagen schaden. Sie können auch wichtig sein, je nach Situation. Aber bei BWL handelt sich eben um Business Administration. Unternehmens-Verwaltung. Effectuation ist jedoch Unternehmensgestaltung!

 

Unternehmertum ist ein kreativer Prozess und viel mehr mit der Kunst zu vergleichen, als mit der Betriebswirtschaftslehre.

 

Effectuation in der Corona-Krise

 

Was können wir nun mit diesem Wissen anfangen? Effectuation ist (sorry für den Autovergleich, den hat Michael Faschingbauer aber ganz treffend gebracht) wie das Fahren im ersten oder zweiten Gang mit dem Auto.

Man tut es in unwegsamem Gelände, um loszufahren, oder um zu beschleunigen. Irgendwann kann man in die höheren Gänge schalten, wenn man auf der Autobahn freie Fahrt hat.

So erging es uns wirtschaftlich im Grunde in den letzten Jahren. Es lief gut und rund. Nun zwingt ein Virus uns, zu Hause zu bleiben. Viele von uns sehen ihre Existenz bedroht. Eine Pleitewelle bahnt sich an. Hier können wir nicht mehr mit Vollgas über die leere Autobahn brettern, wir müssen ein paar Gänge runter schalten und achtsam neue Wege identifizieren – und vielleicht auch neue Vehikel bauen, um diese Wege beschreiten zu können.

 

Handlungsanlässe wird es mehr als genug geben. Man möchte weiter essen, weiter seine Miete zahlen können, weiter sozialen Austausch haben. Aber durch das Einbrechen ganzer Wirtschaftszweige, durch die Unmöglichwerdung zahlreicher Tätigkeiten, das Wegfallen von den prognostiziert Millionen Arbeitsplätzen, entstehen Leerräume. Und die wollen gefüllt werden.

 

Natürlich liegt es hier nahe, erst einmal alles, was man zuvor im persönlichen Kontakt gemacht hat, in einen Online-Stream zu verschieben, um irgendwie sein Geschäftsmodell zu retten. Nur ist jetzt mehr gefragt. Mit den Effectuation-Prinzipien im Bewusstsein kann man die Krise nutzen um nicht wie viele andere denselben Weg einzuschlagen, sondern um ernsthafte und neuartige Probleme zu identifizieren und zu lösen oder zumindest eine neue Value Proposition zu bilden.

 

Die Welt nach Corona

 

Effectuation kommt ohne Prognosen aus. Mehr noch, Effectuation verzichtet auf Prognosen!

Dennoch hilft es manchmal, sich erstrebenswerte Zukünfte auszumalen, um zu wissen, wo der eigene Polarstern liegt, an dem man sich orientieren möchte.

 

Der schönste Text, den ich in der gesamten Zeit seit Corona lesen durfte kommt von Zukunftsforscher Matthias Horx – Die Welt nach Corona (https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/) Eine Regnose, das Gegenteil einer Prognose.

Horx ist betont optimistisch. Auch ich bin Überzeugt, dass Optimismus grad die stärkste Waffe ist, die wir haben. Resignation kann nur zu Regression führen.

 

Aber aus einem Zukunftsoptimismus entstehen hoffentlich die intrinsischen Handlungsanlässe, die es braucht, um zukunftsgestalterisch tätig zu werden.

Horx schreibt, wir würden uns wundern. Wir würden uns wundern, dass die sozialen Verzichte nicht zur Vereinsamung, sondern zu einer Erleichterung führen und sich damit nach einer ersten Schockstarre neue Möglichkeitsräume eröffnen können, weil die bestehenden Kontakte gefestigt, alte Freunde intensiver kontaktiert würden. Dass sich Kulturtechniken des Digitalen plötzlich bewährten. Ja, man sieht im Fernsehen, wie Senior*innen plötzlich über Facetime o.ä. ganz selbstverständlich mit ihren Angehörigen telefonieren, was vor Corona oft nicht denkbar war.

Aber auch die alte Kulturtechnik der Erreichbarkeit ist plötzlich gestiegen. Ich will nicht den ganzen Artikel nacherzählen, bin aber schon jetzt fasziniert, wie viele seiner Punkte in der Regnose, aus Sicht des Herbstes 2020 geschrieben, schon jetzt (April 2020) erkennbar werden.

Horx schreibt, wie wir durch die Corona-Erfahrungen wieder Undenkbares wie ausgiebige Spaziergänge machen, statt uns nach der Arbeit hinter „Trivia-Trash“ zu verschanzen und erkennen, dass KI und ein Tech-Hype seine Grenzen hat, sondern wir unseren Fokus wieder verstärkt auf das Menschliche legen.

 

Am spannendsten aber ist seine Einschätzung, wie wir uns wundern würden, wie die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass es einen „Zusammenbruch“ gab, der vorher schnell beschworen war, wenn hier oder da eine kleine Steuererhöhung oder ein staatlicher Eingriff diskutiert wurde.

 

„Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.“

 

Was für ein schöner Gedanke.

 

„…pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten…“ Das ist es, wovon ich rede. Die Mutation in das Andere. Ich muss hier noch mal auf McDonald’s und Aldi verweisen. Zwei Geschäftsmodell-Dinos, deren Marken bisher bestenfalls ein Naserümpfen hervorriefen (oder einen heimlichen Heißhunger), zeigen allen ach so agilen Unternehmen, wie Unternehmertum funktioniert. Das auch eher durch Bodenständigkeit als durch Innovationskraft hervorstechende Unternehmen Trigema stellt die Produktion kurzerhand um und stellt Atemmasken her. SAP-Mitgründer Dietmar Hopp und Hauptinvestor beim Impfstoff-Hersteller Curevac aus Tübingen lässt Trump mit seiner Offerte abblitzen, weil er eine Lösung für die ganze Welt schaffen möchte und beweist eine unternehmerische Feinfühligkeit, die ich oft vermisse.

 

Gerade in der schnelllebigen Startup-Welt, die mich umgibt. In der nach außen hin oft die eigene Innovationspower gefeiert wird, innen aber ein oft menschenverachtender Finanzkapitalismus gelebt wird, die „Unternehmen“ eigentlich keine wirklichen Lösungen anbieten, sondern lediglich mit den Unternehmen selbst einen Köder schaffen um mit dem Exit die Millionen abzugreifen.

 

Also, wer es bis hier her geschafft hat zu lesen:
Schaut euch an, wer ihr seid, was ihr könnt und wen ihr kennt. Nehmt die Einzelteile eures Unternehmens, eures Netzwerkes, eurer Ressourcen, eurer Kompetenzen und transformiert euch. Baut etwas Neues, statt zu hoffen dass der Staat jetzt die Kohle locker macht, um euch den Hintern zu retten. Geht los, pfeift auf all die Pläne und Excel-Tabellen.

Handelt! Unternehmerisch!

 

In diesem Sinne,

Euer Simon Steiner

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Kommentare: 1
  • #1

    Steiner (Montag, 25 Mai 2020 12:02)

    Interessante und kluge Gedanken in dieser Zeit , wo viele vertraute Abläufe weggefallen sind. Der Artikel macht Mut.