Warum Design Thinking in Zeiten von Corona seine Wirkung verliert

Design Thinking. Design Thinking gilt als das Schweizer Taschenmesser unter den Innovationsmethoden. Seit über einer Dekade ist die Popularitätskurve exponentiell. Die Beliebtheit hat ihre Berechtigung, ist Design Thinking doch bemerkenswert flexibel und anpassbar. Es ist anwendbar vom 60minütigen Meeting bis zum unternehmenskulturellen Betriebssystem eines Dax-Konzerns. Man kann es einsetzen um Neues zu erdenken und in die Welt zu bringen, man kann es einsetzen, um die Team-Arbeit agiler und effizienter zu machen, um New Work-Prinzipien in Unternehmen zu integrieren, um sein eigenes Leben zu reflektieren und besser an seinen persönlichen Bedürfnissen auszurichten, um Geschäftsideen zu entwickeln und risikoarm zu testen, oder um seinen Purpose zu definieren. Es findet Einsatz in nahezu allen Disziplinen – von der Landwirtschaft, über die Psychologie hin zur Stadtentwicklung und natürlich der Software-Entwicklung. Überall, wo es verzwickte Probleme zu bewältigen gibt, oder man es mit komplexen Stakeholderstrukturen zu tun hat, kann man Design Thinking mit einer recht guten Erfolgsaussicht zum Einsatz bringen. Ich weiß das, weil ich das seit beinahe 10 Jahren mache und eben diese Erfolge erleben durfte.

 

Obwohl ich Design Thinking und seiner Entwicklung in den letzten Jahren auch sehr kritisch gegenüberstand – dass ich die Wirkmacht von gut angewendetem Design Thinking derart in Frage stellen könnte, konnte ich mir nicht vorstellen.

 

2009 habe ich mich das erste Mal mit dem damals noch nahezu unbekannten Innovationsansatz beschäftigt. Später habe ich den Basic und den Advanced Track an der HPI School of Design Thinking absolviert, eine der ersten fünf Design Thinking-Agenturen im deutschsprachigen Raum gegründet, eines der umfangreichsten Multi-Stakeholder- und Langzeitprojekte mit Design Thinking durchgeführt. Ich habe es an verschiedenen Universitäten unterrichtet, Trainer ausgebildet, NGOs methodisch aufgerüstet, Klimaschutz voran getrieben, Unternehmen transformiert und mit seiner Logik selbst gegründet. Design Thinking ist meine Methode.

 

Je tiefer ich eintauchte, desto weniger fiel mir ein, wo Design Thinking an seine Grenzen stoßen könnte. Die Wirkmächtigkeit und Anpassbarkeit der Methode schien unbegrenzt.

Klar: nicht alles im Leben lässt sich mit Design Thinking grade biegen. Es ist kein gutes Projektmanagementtool, es ist schwach in der Transition vom Innovationsprozess hin zur Implementierung, alleinstehende Workshops haben oft kaum eine (nachhaltige) Wirkung. Deshalb ist es nach wie vor keine Wunderwaffe. Klar ist auch, dass die Verbuzzwordung dem Image von Design Thinking massiv zugesetzt hat – viele gute DTler nutzen den Begriff kaum noch, um nicht in dieselbe Schublade mit den "Wochenend-Design-Thinkern" gesteckt zu werden. Denn gefühlt nennt sich heute fast jede*r Design Thinker. Ergibt ja auch Sinn – steigen so doch die Tagessätze von Berater*innen und Designer*innen jeder Couleur merkbar, wenn man nur einen kleinen Wochenendkurs mit einem Zertifikat zum "Design Thinking Coach" vorweisen kann. So oder so, Design Thinking, gut verstanden und richtig eingesetzt, kennt kaum Grenzen – dachte ich jedenfalls. Denn dann kam Corona.

 

UND DANN KAM CORONA

 

Corona ist natürlich eine Black-Swan-Situation. Und wie eine Situation wie Corona sich auf die Wirksamkeit einer Innovationsmethode auswirken könnte, dafür reicht die Vorstellungskraft auch der Phantasievollsten nicht aus. Auch nicht, um vorherzusehen, wie eine Pandemie die gesamte Welt, insbesondere die Arbeitswelt umkrempelt.

 

Meine Lebensgefährtin ist zwar Biologin und seit dem ersten Corona-Ausbruch in Wuhan fasziniert und immer versorgt mit allen aktuellen Zahlen. Bereits im Januar dieses Jahres veränderte sich langsam unser Einkaufverhalten hin zu länger haltbaren Produkten und Trockenware (keine Hamsterkäufe natürlich). Ich wurde gebrieft um etwaige Nachtschichten, die sie im Labor wird verbringen müssen, auf das Kind aufzupassen. Man kann ja nie wissen. Noch mal: das war im Januar! Lange bevor es zu den Ausbrüchen in Italien kam. Im Grunde hat sie alles vorhergesehen, was Wochen später Realität wurde und tut dies noch immer. Das ist auch nicht so schwer, denn hierfür reicht ein bisschen gesunder Menschenverstand und ein Taschenrechner. Und dennoch wurde mir nicht klar, was das für mich als Dozent und Innovationsberater im Konkreten bedeuten würde. Vieles ist mit ein bisschen Gespür für das was passiert und einem mathematischen Grundverständnis einigermaßen vorhersehbar. Die Konsequenzen daraus aber nicht. Dass ich etwa all meine Aufträge verlieren werde und plötzlich Staatskohle beantragen muss, obwohl es doch grad so gut lief, dass ich Leute entlassen muss, dass die Schulen und Universitäten (und damit meine wichtigsten Auftraggeber) schließen, dass der ganze Kulturbetrieb zum Erliegen kommen und in ein paar Monaten ein gigantischer Leerstand der Ladenlokale zu verzeichnen sein wird, weil viele Gastrobetriebe es nicht überlebt haben. All das dämmerte mir erst, als es schon passierte. VUCA at it's best.


Gut, das alles wissen wir jetzt. Für viele Unternehmen ist der Worst Case eingetreten. Auch für viele Kolleginnen und Kollegen aus den Agenturen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es unter den verwöhnten Agilisten und Design Thinkern mal zu Pleiten kommen könnte.

 

VON DEN DESIGN THINKING AGENTUREN KAUM NENNENSWERTE IDEEN ODER LÖSUNGEN MIT DER KRISE UMZUGEHEN

 

Spannend: Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Innovationszene fingen direkt nach dem Lockdown an, Tools auf LinkedIn zu verbreiten, wie man Workshops remote veranstaltetet. Wie man Webinare macht, wie man am besten im Homeoffice arbeitet usw. Bis heute! Natürlich sind das alles hilfreiche Informationen. Aber außer, dass man seine Seminare und Workshops nun online veranstaltete kam nichts Neues mehr. Und es scheint, als würden alle dasselbe tun. Einige sollen damit wohl auch ein bisschen Geld verdienen, aber im Vergleich zu vorher? Ich hatte geglaubt, dass all die New Work-Propheten und hauptberuflichen Design Thinker*innen und Agilisten jetzt spektakulär vormachen würden, wie es wirklich geht. Wie man ruckzuck seine Ressourcen scannt, einen Pivot hinlegt und unternehmerisch seine Geschäftsmodelle an eine völlig neue Situation anpasst oder gar zum Krisenheld wird – weit gefehlt.

 

Diejenigen, die wirklich agil gehandelt haben, waren Unternehmen, denen man das eher nicht zugetraut hätte. Es sind Aldi, McDonalds, Trigema, VW und andere Dinosaurier, die plötzlich vormachten, was unternehmerisches Handeln in Zeiten großer Ungewissheit bedeutet.

 

Keins dieser Unternehmen arbeitet in dieser Situation ernsthaft mit Design Thinking. Warum nicht?

 

Nun, hier zeigt sich, dass Design Thinking am Ende doch eher für Zeiten gemacht ist, in denen es rund läuft. Eine Methode für die fetten Jahre. Nicht sonderlich krisentauglich. Design Thinking funktioniert super, wenn man viel Zeit zum Ausprobieren hat. In Zeiten, in denen das Geld fließt, man endlose Customer Journeys auf Basis noch endloserer Interview- und Research-Sessions veranstaltet. Wenn man mit vielen Menschen zurück im fancy Innovationsraum seine Findings präsentieren und seine Personas mit den identifizierten Needs bestücken kann. Wenn man Prototypen im Team mit vielen Händen bauen kann. Es mag hämisch klingen, wie ich über die beliebteste aller Innovationsmethoden spreche. Natürlich ist Design Thinking  super! Ich liebe Design Thinking.

 

 

DESIGN THINKING WIRKT IN KRISENZEITEN WIE EIN LUXUS-SPIELZEUG AUS EINER VERGANGENEN ZEIT

 

Aber jetzt, in Zeiten der Corona-Krise, wirkt es zumindest in der Form, in der es am häufigsten stattfindet, nämlich in der Workshop-Form, irgendwie albern. Wie eine Barby-Puppe, der man das hübsche, bunte Plastikhäuschen entrissen und es zu nem Survival-Training mit in den Schneematsch genommen hat. Wie ein fehlplatziertes Luxus-Spielzeug aus einer vergangenen Zeit, an das sich jetzt viele klammern, die nicht akzeptieren wollen, dass es in Zeiten wie diesen andere Werkzeuge braucht. Survival ist ein gutes Stichwort. Denn für viele Unternehmen geht es grad ums blanke Überleben. Da funktioniert kein mehrwöchiger Design Thinking Prozess. Nicht mal ein Design Sprint oder Design Thinking Sprint wirken grad angebracht.

 

Obwohl Design Thinking eigentlich bekannt ist, für seine Agilität, seine Geschwindigkeit, seine Anpassungsfähigkeit, ist das Problem von Design Thinking hier tatsächlich seine relative Langsamkeit und der große Bedarf an Zeit, Raum, Team und Material. Design Thinking lebt von der Kollaboration, dem Teamwork in multidisziplinären, heterogenen Gruppen (die sich im selben Raum befinden). Es lebt von großen Wänden, die mit Whiteboardfarbe bestrichen sind. Von Post-It-Tapeten, die zum kollektiven Gedächtnis eines Design-Teams werden, von sehr viel physischem Raum, Stehtischen, persönlichem Kontakt und Gesprächen. Von Bewegung und dem Denken mit Händen an Prototypen, die man anfassen und gemeinsam anpassen kann... Nein, das funktioniert grad alles nicht sonderlich gut im Homeoffice.

 

Schon klar: Man kann mit tollen digitalen Tools und Videokonferenzen einige der Notwendigkeiten für einen guten, kollaborativen Design Thinking-Prozess simulieren. Aber mal Hand aufs Herz: So richtig toll ist das nicht. Auch nicht, wenn es mittlerweile tolle Online-Diskussionen gibt, wie sich ein "Wir-Gefühl" online erzeugen lässt. Gute Frage. Aber auch ein Wir-Gefühl über einen Online-Design-Thinking-Workshop rettet den Unternehmen, Künstlerinnen, Freiberuflern, Gastronominnen nicht den Arsch.

 

DIE CORONA-KRISE IST AUCH EINE DESIGN THINKING-KRISE 

 

Die Corona-Krise ist auch eine Design Thinking-Krise. Die Magie der Methode verschwindet in der wahren Krise. Ich will nicht sagen, dass Design Thinking jetzt gar nicht mehr funktioniert. Klar funktioniert es. Aber eben nicht mehr für alles und auch nicht mehr so gut.

Das, wo ich Design Thinking jetzt primär empfehlen würde, sind zum einen individuelle Designing Your Life-Prozesse, mit denen man diese Zeit nun nutzen kann um für sich selbst als Nutzer*in des eigenen Lebens herauszufinden, wie sich dieses Leben eigentlich besser an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt. Etwa im Hinblick auf Beruf und Karriere aber eben auch im Hinblick auf seine individuellen Bedürfnisse und die Integration der verschiedenen Lebensfelder. Zum anderen eignet sich Design Thinking nach wie vor sehr gut als unternehmenskulturelles Betriebssystem. Design Thinking kann in seiner Kollaborationslogik einen guten Rahmen bieten, wie man als Team physisch distanziert zusammen arbeitet. Wie man New Work-Philosophien auch jenseits des Firmengebäudes integriert und Teams selbstbestimmer arbeiten lässt.

 

Vor allem aber eignet sich Design Thinking fabelhaft als Struktur für Homeschooling-Offices. Man wird sich wundern, wie schön es ist, gemeinsam mit Kindern den Stundenplan zu ko-kreieren und die Bedürfnisse von Erwachsenen wie Kindern in das Tagesdesign zu integrieren. Selbst täglich erlebt.

 

Design Thinking kann also wunderbar helfen, Krisensymptome zu lindern. Die Zeit der Krise bestmöglich zu gestalten und zu strukturieren, kreativ zu bleiben und vielleicht sogar Lösungen für die Post-Corona-Zeit zu erdenken. Und sicherlich ist Design Thinking auch beim WirVsVirus-Hackathon viel zum Einsatz gekommen. Gut.

 

DESIGN THINKING HILFT NICHT, ZUR NAVIGATION IN GÄNZLICH UNBEKANNTEN FAHRWASSERN!

 

Aber Design Thinking hilft nicht sonderlich gut, sein Unternehmen aus dem Schlamm zu ziehen, schnell auf die geänderte und sich permanent ändernde Windrichtung zu reagieren, um mit dem, was man hat, nicht Schiffbruch zu erleiden. Das ist ok. Design Thinking ist eben doch eher ein Instrument für kontinuierliche, inkrementelle Innovation. Ein tolles Mindset, ein Framework für Neues Arbeiten. Nicht aber für unternehmerisches Denken und Handeln, nicht für das Navigieren in gänzlich unbekannten Fahrwassern, nicht für den schnellen Richtungswechsel einer ganzen Organisation. Man muss mir hier nicht zustimmen, aber ich erlebe es zur Zeit nirgends.

 

Dass Wolfgang Grupp mit Trigema schnell seine Ressourcen nutzt, um jetzt Atemmasken zu produzieren, dass Aldi und McDonald's über einen Austausch ihrer Mitarbeitenden kooperieren, dass VW seine 3D-Drucktechnik einsetzt, um Produkte für die medizinische Versorgung herzustellen, dass verschiedene Brauereien Desinfektionsmittel herstellen, dass Apple und Google kooperieren um eine Corona-Tracking-App zu entwickeln, dass weltweit in kürzester Zeit unzählige Initiativen entstehen um die Auswirkungen der Pandemie zu lindern, mit Design Thinking zu tun haben soll, ist schwer vorstellbar. Oder wird sich Wolfgang Grupp wirklich mit seinem multidisziplinären Team in einen Workshopraum eingesperrt haben und angefangen haben, mit unzähligen Post-Its eine Design Challenge zu entwickeln? "Wie könnten wir unserer Persona helfen, eine Atemmaske gern zu tragen?" Ich muss bei der Vorstellung tatsächlich schmunzeln. Wenn überhaupt geht wahrscheinlich nur der kleinste Teil dieser unternehmerischen Initiativen und Pivots auf einen Design Thinking-Prozess zurück, auf Customer Journeys und die Ausformulierung von Personas. Klar, eine Anamnese der Situation hat sicher überall stattgefunden, wenn auch vermutlich eher beim Lesen der Nachrichten oder beim Überprüfen der Zahlen. Nicht aber mit dem Ausfüllen von Persona-Templates, von Nutzerbefragungen oder Shadowing im Supermarkt (greift die Kunden eher zu der Atemmaske neben der veganen Wurstplatte oder eher zu der neben der Quengelware?).

Auf jeden Fall wurden auch hier und da Prototypen entwickelt um herauszufinden, ob die Gedanken der Realität standhalten können. Aber das sind Einzelteile, die auch im Design Thinking zum Einsatz kommen, die Design Thinking in seiner Grundstruktur aber nicht primär definieren.

 

WENN NICHT DESIGN THINKING, WAS HAT DANN ZU SCHNELLEN IDEEN UND LÖSUNGEN IN DER KRISE GEFÜHRT?

 

Aber was ist es dann, das zu so vielen schnellen und zum Teil brillanten Ideen und Lösungen geführt hat?
Es ist die intuitive gestalterische Herangehensweise von Unternehmerinnen und Unternehmern. 

Diese intuitiven Herangehensweisen lassen sich aber in Form von Prinzipien unter dem Überbegriff Effectuation darstellen.

 

Effectuation ist gelebtes Unternehmertum. Es entstammt in seiner Logik der Entrepreneurshipforschung. Die Kognitionswissenschaftlerin Prof. Saras Sarasvathy hat in einer bahnbrechenden und sehr aufwändigen Studie untersucht, was Menschen, die unternehmerisch bemerkenswert viel erreicht haben, gemeinsam haben oder sie von anderen Menschen in ihren Herangehensweisen unterscheidet.

 

Das Schöne: unternehmerisches Denken und Handeln ist erlernbar!

Diese folgenden fünf Prinzipien sind ein Teil der Ergebnisse aus dieser Studie und sie können wunderbar und einfach Anwendung auf dem eigenen Handlungsfeld finden. Effectuation ist ein optimaler, praktischer und implementierbarer Ansatz um in Zeiten großer Ungewissheit handlungsfähig zu bleiben. Ich erkläre kurz die Prinzipien, die sich gut einprägen lassen:

 

DIE PRINZIPIEN DES EFFECTUATION

 

1. Bird in The Hand – Mittelorientierung statt Zielorientierung

Bezogen auf das Sprichwort: „Lieber ein Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach“ empfiehlt es:

Konzentriere dich auf die Mittel, die dir zur Verfügung stehen!

Starte mit dem, was du hast. Und nicht mit einem festgelegten Ziel oder einer vorher ausgemalten theoretischen Möglichkeit.

Die Ziele entscheiden nicht über die Mittel, sondern die Mittel bestimmen das Machbare!

 

2. Affordable Loss – Leistbarer Verlust statt erwarteter Ertrag

Da sich in einer ungewissen Zukunft Erträge nicht vorhersagen lassen, empfiehlt das zweite Prinzip, nur das zu investieren, was du dir zu verlieren leisten kannst! Das muss nicht immer zwingend Geld sein. Es können auch Zeit, Reputation, Wissen und Kompetenzen oder andere Mittel und Ressourcen sein, die du dir leisten kannst, einzusetzen.

 

3. Lemonade – Unvorhergesehenes und Zufälle nutzen, statt zu vermeiden.

Das Lemonade-Prinzip bezieht sich auf das Sprichwort: „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach’ Limonade draus“. Gilt natürlich genau so für die Logik, „Wenn dir jemand Steine in den Weg legt, bau’ eine Straße draus“. Oder ganz einfach: aus der Not eine Tugend machen! 

In der kausalen Management-Logik gilt es Zufälle zu vermeiden. Effectuation sieht den Zufall hingegen als Partner an und macht aus dem Ungeplanten eine Chance. Der judogriffähnliche Umgang mit Unvorhergesehenem ist wohl gerade jetzt, in Corona-Zeiten, die stärkste Waffe, um den Kurs den Bedingungen anzupassen, statt krampfhaft zu versuchen, die Bedingungen zu verändern, um seinen Kurs (weiter) fahren zu können.

 

4. Crazy Quilt – Partnerschaften statt Konkurrenz

Das Prinzip des Flickenteppichs (Crazy Quilt) empfiehlt: Suche nach selbst-selektierten Partnerschaften mit Menschen, die einbringen, was sie bereit sind, zu einzusetzen. Suche nicht nach den „richtigen“ Partner*innen mit den „richtigen“ Mitteln, sondern sei offen für die, die bereit und offen sind, auch in einem frühen, oder unsicheren Stadium einen Beitrag (gleich welcher Art) zu leisten. Fokussiere dich auf kooperative Netzwerke, nicht auf eine konkurrierende Abgrenzung. Der immer lauter werdende „homo cooperativus“, der den profilneurotischen und egoistischen „homo eoconomicus“ zum Frühstück verspeist, ist auch ein guter Zeitgenosse, dieses Prinzip zu verdeutlichen.

 

5. Pilot in The Plane – Selbst die Verantwortung übernehmen statt auf die Zukunft zu warten

Das fünfte Prinzip wird nicht von allen Effectuators als gleichermaßen relevant betrachtet. Doch empfiehlt es, das Steuer zu übernehmen, ins Handeln zu kommen und die Zukunft mit Dingen zu ko-kreieren, auf die man Einfluss hat. Omas "es gibt nichts Gutes, außer man tut es" kennen wir auch aus dem Design Thinking (Bias towards action). Denn: wenn man es selbst kontrollieren kann, muss man es nicht vorhersagen. Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen ist sie selbst zu gestalten!

 

EFFECTUATION STARTET MIT DIR – NICHT MIT DEN ANDEREN

 

Effectuation ist Individuen-zentriert! Es startet nicht mit Understand, Observe und Point of View und damit, wie man für irgendeine vordefinierte Nutzer*innen-Gruppe irgendwelche wünschenswerten Lösungen erdenkt, nachdem man diese tagelang beobachtet und interviewt hat. Effectuation startet mit einem selbst. Deshalb braucht es auch erst mal kein Team und keinen Workshopraum. Somit wird es sehr anwendbar in Zeiten von Social Distancing.

Es startet mit dem eigenen Bedürfnis oder Drang etwas zu verändern oder ein Problem zu lösen. Damit, den Status-quo aufgeben oder Neuland entdecken zu wollen. Aber auch damit, in der Transformation oder der Renaissance von Existierendem oder Altbewährtem, Lösungen für aktuelle Probleme zu finden. Effectuation startet mit deinem eigenen, intrinsischen Handlungsanlass. Mit dem inneren Pain oder der inneren Lust, die einen veranlasst den ersten Schritt zu gehen und ins Handeln zu kommen.

 

Effectuation ist gelebtes Unternehmertum. Es startet, mit dem, was du selbst zur Verfügung hast. Deinen Mitteln und deinen Ressourcen, deinem Wissen, deinem Können, deinen Erfahrungen und deinem Netzwerk. Dafür braucht es weder Workshopräume noch multidisziplinäre Teams, noch sonstiges Equipment. Es braucht nur dich und das, was dir zur Verfügung steht. Es ist wie der Unterschied zwischen Joggen und Skifahren. Fürs Skifahren braucht es die planierten Pisten, die gigantischen Liftanlagen und die teure Ausrüstung. Fürs Joggen nur ein paar Laufschuhe. Es ist wie kochen mit dem, was du im Kühlschrank hast, statt aufwändig nach einem Rezept zu kochen, für das du erst mal einkaufen musst.

 

Also: Frag dich, wer du bist, was du hast, was du weißt und wen du kennst. Und dann leg los!

 

Keine Angst, liebe Design Thinkerinnen und Design Thinker: Wenn sich der Nebel der Ungewissheit wieder etwas lichtet, wenn wir wieder zusammen in den Workshopräumen der Welt kreativ sein dürfen, dann kommt auch die Stärke von Design Thinking wieder zum Tragen und wir können dann vielleicht die Lösungen, die wir in der Krise entwickelt haben, präziser weiter entwickeln. Bis dahin sollte aber geschaut werden, wie wir mit dem, was wir haben, schnell handlungsfähig werden. Das gilt auch für die Geschäftsmodelle der vielen Innovations-Agenturen und der Freiberufler*innen. Macht aus der Not eine Tugend, schaut, was ihr schnell umsetzen könnt, indem ihr das nutzt, was ihr habt!

 

Viel Erfolg und für Fragen, Anmerkungen, Feedback etc. bin ich natürlich ansprechbar.

Bleibt gesund, kreativ und konstruktiv!

 

Euer Simon Steiner

 

PS. Mehr Informationen zum Thema Effectuation gibt es zukünftig auf www.effectuation.expert

Kommentar schreiben

Kommentare: 0