Wer füllt das Vakuum nach Corona?

Foto: Ladentür geschlossen für Vakuum nach Corona schließen mit Effectuation, von Craig Whitehead auf Unsplash
Foto: Craig Whitehead

Die Corona-Krise wird ein massives Loch in der Wirtschafts- aber auch der Kulturwelt hinterlassen. Allein 70.000 Gastronomie- und Hotellerie-Pleiten in Deutschland soll die Corona-Krise mit sich ziehen. Der Investor und Milliardär Carsten Maschmeyer prognostiziert, dass durch die Homeoffice-Erfahrung, die sie durch Corona machen konnten, der Bedarf an Gewerbe- und Bürofläche drastisch sinken wird. Wie stark der Leerstand am Ende der Corona-Krise ausfallen wird, wie viele Unternehmen am Ende dichtgemacht haben werden, kann niemand genau sagen. Dass er aber spürbar sein wird, ist sicher.

 

Manch einer sieht dies sicherlich als Bestätigung seiner Thesen: dass der Markt sich selbst bereinigt. Aber wenn man eine etwas Gemeinwohl-orientierte Perspektive einnimmt, dann separiert die Krise eben nicht nur die wirtschaftlich "gesunden" (also die, mit der dicken Kapitaldecke) von den weniger gesunden Unternehmen, sondern auch die Neuen von den Alten, ja wahrscheinlich auch die Aufrichtigen von den Unaufrichtigen (Stichwort: keine Miete zahlen wollen). Diejenigen, die als erstes ohne echte Not beim Staat die Hand aufhalten, oder staatliche Schutzmaßnahmen eigennützig in ihr Profitstreben einkalkulieren, könnten möglicherweise auf Kosten der Gesellschaft und der ehrlich Steuern zahlenden Unternehmen die Krise überleben, um dann gestärkt und gesellschaftlich legitimiert weiter zu machen, wie bisher – und einen Markt vorfinden, den man nun bereinigt von "lästiger Konkurrenz" übernehmen darf.

 

Mein Lieblingspizzabäcker unten an der Kreuzung wird sicherlich nicht die Kapitaldecke haben, um den Shutdown zu überleben. Er wird nicht mit Staatskohle pokern und seine Armee an Juristinnen und Controllern losschicken können um das Maximum aus der Krise und dem geöffneten Geldsack des Staates herauszupressen. Er ist ein ehrlicher Kerl, der sich, seine Familie und zwei Angestellte mit dem Verkauf von unfassbar leckerer Pizza finanziert. Mehr will er nicht, mehr braucht er nicht. Ganz ohne Aktionäre im Nacken. Bisher gelang ihm das gut, er schien zufrieden. Und er hat für den Kiez einen großen Mehrwert geschaffen. Er wird schließen müssen. Und niemand wird ihm wirklich helfen können. Ja, so ist das Leben vielleicht.

 

Die Frage ist nun aber, was kommt danach?

 

Er ist schon lange in dem Laden. Das Haus hat zwischenzeitlich zwei Mal den Besitzer gewechselt, heute gehört es meinen Recherchen zufolge irgendeinem Geflecht britischer Immobilienunternehmen. Dass dieses Geflecht ein Interesse daran hat, den dann frei gewordenen Laden in passabler Lage, dem nächsten kleinen Familien-Kiezbetrieb zu akzeptablen Konditionen zu vermieten, darf wohl bezweifelt werden. Ob nun eine anonyme Gastrokette einzieht, der Laden zu Wohnraum umgewidmet wird und dadurch den Kiez ein Stück weit eintöniger und ärmer werden lässt, oder ob mit dem Leerstand spekuliert wird, bis sich die Preise wieder erholt, oder der politische Mietendeckel von den Gerichten aufgehoben wird, kann man natürlich nicht sagen.

 

Klar ist: hier entsteht ein massives Vakuum. Es wird Leerstand geben und viele große wie kleine Firmen werden nichts mehr anbieten. Es werden Marktanteile frei. Dieses Vakuum will, muss und wird gefüllt werden! Wie es gefüllt wird und wer es füllen wird, das liegt auch in den Händen von uns allen.

 

Die Post-Corona-Situation wird uns zwar etwas erschöpft und traurig aussehen lassen, sind doch sicherlich viele liebgewonnene Angebote verschwunden. Die Straßenbilder werden verändert sein und die Jobs und Aufgaben vieler Menschen verloren gegangen. Die Krise ist aber auch ein großes Durchatmen und bietet ein kleines Fenster, die Karten neu zu mischen und die Wirtschaft mehr zu diversifizieren. Mehr noch: sie bietet die einmalige Chance, Wirtschaft neu zu denken, neu auszurichten und neu zu gestalten. Zukunftsorientiert und enkelfähig.

Wir können es auf der einen Seite zulassen, dass manche Unternehmen oder Konzerne mit einem unnachhaltigen Management auf Kosten der Gesellschaft im Sinne von Aktionären ihre Dividenden aus fragwürdigen Geschäftspraktiken ziehen. Oder wir können unsere Ärmel hochkrempeln. Die Chance ergreifen, selbst unternehmerisch aktiv werden und anfangen, echte Probleme nach unseren Vorstellungen (unternehmerisch) zu lösen. Bzw. die Einzelteile, die von unseren existierenden Unternehmen nach der Krise übrig geblieben sind, neu zusammen bauen und neu auszurichten.

 

Ich kann an dieser Stelle nur appellieren, Letzteres zu tun. Appellieren, aktiv zu werden und dieses Vakuum nicht denen zu überlassen, die ihre Miete ohne Not nicht zahlen wollen. Wir haben hier die historische Möglichkeit auch den wirtschaftlichen Teil der Gesellschaft noch weiter in Richtung einer Gemeinwohl-orientierten Wirtschaft zu transformieren und unternehmerisch eine enkelfähige Zukunft zu gestalten.

 

Beispiele, wie es gehen kann, findet man von Vaude bis Einhorn Kondome. Beides sehr erfolgreiche Unternehmen mit einem starken Mensch- und Planet-zentrierten Geschäftsmodell.

Und ja, mithilfe der Prinzipien aus dem Effectuation-Ansatz kann dies auch ohne die brillante Geschäftsidee, ohne den Businessplan, sogar ohne die Bank oder den VC im Rücken gelingen. Es reicht manchmal, dass man den Status-quo infrage stellt, schaut, was man mit seinem Wissen, seinen Ressourcen und seinem Netzwerk alles anstellen kann und loslegt. Sicherlich fühlt das Loslegen sich zunächst schwer an. Aber erst mal aufgebrochen merkt man, dass es eben doch nicht so schwer und riskant ist, wie man manchmal glaubt.

 

Deshalb: Fangt an und füllt das Corona-Vakuum!

 

Mietet die leerstehenden Läden, startet Initiativen, gründet Unternehmen, Startups, Genossenschaften, Vereine, Bildungs- oder Kulturinstitutionen. Löst unternehmerisch gesellschaftliche oder ökologische Probleme. Vielleicht findet ihr sogar einen Weg, wie ihr mit euren Ideen, eurem Wissen, eurem Netzwerk oder euren Ressourcen euren geliebten Kiezladen retten, wiederbeleben oder unter den sich veränderten Bedingungen neu ausrichten könnt, indem ihr in ihn investiert, mit ihm kooperiert, ihn beratet oder sonst wie unterstützt!

 

Es gibt hierzu übrigens gerade eine tolle Initiative der Impact Factory: Besonders vielversprechende Startups, die soziale, gesellschaftliche und ökologische Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen, werden gefördert! Die Bewerbung kann noch bis zum 17. Mai über das unten stehende Bewerbungsformular eingereicht werden.

 

-> https://impact-factory.de/bewerbungsformular/

 

Die Zukunft gehört denen, die sie gestalten!

 

In diesem Sinne,

Euer Simon Steiner

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