Willkommen im Zeitalter der Dauerkrisen

Das Zeitalter der Dauerkrisen hat begonnen.

 

Was nach Pessimismus klingt, ist schlicht Realismus, ja Realität. Es gibt kein New Normal im Sinne der Pre- und Post-Corona-Rhetorik. Es gibt gar kein Normal mehr. Wenn überhaupt, dann ein „Floating Normal“ – Was normal ist, ist nur für kurze Zeiträume normal, denn dann wird das nächste globale Großereignis geschehen, das alles wieder verändert, ehe wir uns dran gewöhnt haben.

Corona hat uns bereits durch eine Reihe an Extremsituationen eine bemerkenswerte geistige, seelische und unternehmerische Flexibilität abverlangt. Die Kriegssituation in der Ukraine setzt noch mal einen drauf.

 

Das von uns Menschen aus dem Gleichgewicht gebrachte Klima wird zur Dauerkrise, eine Art Superkrise. Quasi die Mutter aller Krisen, die eine gigantische Palette an Subkrisen hervorbringen wird. Wetterkatastrophen wie im Ahrtal, ein extremer Mix aus Dürren und Überschwemmungen wie in Australien. Nahrungskrisen, Energiekrisen, Wasserkrisen, Pandemien, die Corona vielleicht noch in den Schatten stellen, Gesundheitskrisen. Krisen, die wir heute nicht imstande sind zu denken. Morgen können sie schon da sein.

 

Kriege. Kriege um Ressourcen, um Territorien, um Wasser, um Ideologien, um Zugänge, um Bodenfruchtbarkeit.

 

Fluchtbewegungen die uns global durchschütteln werden. Flucht vor Dürre, Flucht vor Flut, Flucht vor Krieg, Flucht vor Hunger, Flucht vor Krankheit, Flucht vor Unterdrückung.

 

Was auf uns zukommt, braucht neues Handwerkszeug um gemeistert zu werden.

 

Handwerkszeug, welches nicht mehr primär eindimensional von Ökonomen ausgeliefert wird und die Welt anhand von tabellarischen Logiken und Theorien aus dem letzten Jahrhundert gestaltet.

Jetzt brauchen wir Handwerkszeug, das nicht mehr nur VUCA beherrschbar macht. Es braucht Handwerkszeug, das BANI  (BANI steht für Brittle, Anxious, Non-linear, Incomprehensible und wurde von Jamais Cascio in seinem Aufsatz "Faceing the Age of Chaos" vorgestellt) navigierbar macht.

BANI beschreibt ein unberechenbares Gewässer. Dieses fordert eine neue Dimension wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Agilität.

 

Die letzte Dekade war das Jahrzehnt von Design Thinking und ähnlichen Ansätzen, wodurch unzählige Menschen den Umgang mit Komplexität und angewandtem Systemdenken erfahren durften. Ein großes und wichtiges Lehrfeld. Aber so sehr ausgereizt und überstrapaziert, dass Design Thinking schon in manchen Organisationen zum Unwort des Jahres gekürt wurde.

Wir befinden uns nun aber im Post-Design-Thinking-Zeitalter. Die Relevanz sogenannter Future Skills ist enorm. Wir brauchen Handwerkskoffer, mit denen wir auf der einen Seite versuchen können, die Hauptkrise, nämlich die des Klimas und der Biodiversität zu zähmen. Das sind die Werkzeuge, mit denen wir langfristig arbeiten werden. Da gehört auch klassisches kausal-lineares Denken dazu. Manchmal.

 

Und dann brauchen wir Werkzeuge, mit denen wir die sich ständig verändernden Realitäten und Subkrisen navigierbar machen. Das sind Werkzeuge, die wir krisenbedingt schnell in die Hand nehmen können, um das Beste draus zu machen und schnell zu Lösungen zu kommen. Die Logik der Ambidextrie gehört hier beispielsweise genau so dazu, wie Effectuation.

 

So schlimm das alles klingt, ich bin überzeugt, dass wir das hinbekommen. Zumindest ansatzweise. Neben dem Handwerkszeug brauchen wir aber vor allem Folgendes:

 

1. Diversität

 

Als allererstes brauchen wir Diversität. Diversität auf allen Ebenen. Und ein Bewusstsein für Diversität. Diverse Systeme sind widerstandsfähiger, resilienter und regenerativer. Diverse Systeme sind gesünder, agiler und kreativer. Das Patriarchat darf in Rente. Das Neue muss übernehmen.

 

2. Entrepreneurship

 

Entrepreneurship wird zu gern mit „Unternehmertum“ übersetzt, was nicht falsch ist. Die Assoziation mit rein marktwirtschaftlichem Unternehmertum greift aber zu kurz. Ich rede von Unternehmergeist von Machertum. Von Macherinnentum. Von einer unternehmerischen Denkhaltung um schnell ins Handeln zu kommen, Probleme anzugehen, mit den Ressourcen die einem oder einer zur Verfügung stehen, zu arbeiten, zu kreieren, zu experimentieren, zu lösen. Neben Entrepreneurship brauchen wir auch viel mehr Entrepreneurship-Wissen in Form von Bildungsangeboten, um Machertum als Denkhaltung verfügbar zu machen.

 

3. Solidarität und Gemeinwohlorientierung

 

Klingt sehr links, ist aber purer Pragmatismus. Denn diese fetten Krisen lösen wir nur gemeinsam und für einander, nicht gegeneinander. Hierzu zählt auch ein gewisser Sportsgeist. Das Bewusstsein, dass Menschen Menschen sind, ganz gleich, welches Geschlecht sie haben, oder welchen kulturellen Hintergrund. Es braucht Bock auf Veränderung und die Fähigkeit egofreien Handelns.

 

Das Zeitalter der Dauerkrisen hat begonnen. Es wird kein Danach mehr geben. Es wird nur noch ein Mittendrin geben.

 

Machen wir uns bereit!

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